VIPASSANA

Luiz saß neben mir im Bus. Er trug Krawatte und sah auch sonst nicht danach aus als habe er schon mal etwas mit Meditation zu tun gehabt. „Mein Kumpel meinte, dass man hier nicht an irgendwas glauben muss. Ich bin nämlich Atheist und halte auch sonst nichts von so spirituellen Firlefanz“
Luiz sprach von dem Meditations-Kurs für den er sich als auch 70 Thais und ein paar weitere Westler angemeldet hatten. Sie alle wollten die bekannteste Mediationstechnik Asiens erlernen:Vipassana.
Buddha „persönlich“ hat Vipassana vor 2500 Jahren in seiner lebenslangen Suche nach Seelenfrieden entwickelt. In diesem Jahrhundert hat es sich der Burmese Goenka zur Aufgabe gemacht die Technik wieder unter den Menschen zu lehren. Er brachte Vipassana zurück in sein Geburtsland Indien und auch im Westen hat er viele Zentren nach dem gleichen asiatischen Prinzip erfolgreich gegründet (siehe deutscher Link).

Für Luiz und die anderen bedeutete die Teilnahme: Keine Rauschmittel. Kein Sex. Keine Nahrung nach 12 Uhr mittags.Keine Bücher. Keinen Ipod. Kein Blickkontakt. Strenge Schweigepflicht.Geschlechtertrennung und drei weitere „Grund“Regeln: Keine Lügen. Kein Diebstahl. Kein Töten.

Während der 10 Tage sollte Luiz um 4 Uhr aufstehen und lediglich zwei Mahlzeiten pro Tag einnehmen, davon die Letzte um 12 Uhr mittags. Ein Leben wie im Kloster. Luiz knabberte sich wild auf den Zähnen, als er am ersten Tag sein kleines 5qm Zimmer zugewiesen bekam: „Da kann ich ja noch nicht mal meine Snickers verstecken!“ Er sei normalerweise ein bisschen weichere Betten gewöhnt, stöhnt er. „Ich bin Geschäftsmann. Muss ich wirklich meinen Laptop abgeben? Ich habe außerdem nichts Lockeres zum Anziehen.“ Widerwillig empfängt er die weiße Jogginghose vom Meditations-Team. Er wendet sich noch mit einem letzten Kopfschütteln zu mir und seufzt: „Wofür soll das hier eigentlich gut sein?“.

10 Tage lang sollte ich ihn nicht mehr fragen können, wie es ihm geht. Ich sah ihn trotz aller anfänglichen Skepsis 10 Stunden pro Tag lang kerzengerade in der Meditationshalle sitzen, als er wie alle anderen kleine Hinweise von Goenka erhielt. Es gab keine Erklärungen, warum er sich 10 Stunden lang auf seine Nasenspitze konzentrieren sollte. Das Motto lautet: Learning by doing oder wie Goenka sagte:„10 % Theorie und 90 % Praxis“.

Vipassana heißt in Pali (eine mittelindische Sprache) „Klare Einsicht“ bzw. Selbsteinsicht. In Vipassana soll man beobachten, lediglich beobachten was sich im Körper und im Geist abspielt. Darin liegt der Unterschied zu anderen Meditationstechniken, bei denen man mit Vorstellungen und Bildern arbeitet. Vipassana ist eine sehr bodenständige Meditation, bei der man keinen Bildern folgt oder Wörter wiederholen soll.. Mit der Wirklichkeit soll man sich auseinandersetzen und nicht mit der Phantasie.
Der Geist denkt gewöhnlich darüber nach welche Unterwäsche man wohl dieses Jahr seinen Partner zu Weihnachten schenken soll… oder…
In Vipassana soll man sich auf den eigenen Atem konzentrieren, um zu sich selbst zu kommen.
Es geht darum zu beobachten und nicht zu reagieren. Genau das, was wir normalerweise nicht tun: wenn es juckt, kratzen wir uns, wenn ein Gedanke aufkommt, verfolgen wir ihn.
Wenn wir aber ein bisschen abwarten, sehen wir, dass Gedanken oder Empfindungen kommen und wieder gehen. Das ist ein wichtiger Schritt: reine Zeitverschwendung sich dem Leid, dem wir tagtäglich begegnen vollkommen hinzugeben. Dem Vordrängler bei Rewe an der Kasse begegnen wir mit Verständnis und lassen uns nicht die nächste Stunde damit verderben. „Alles kommt und alles geht vorbei“, wiederholte Goenka vor jeder Stunde, in die die Kursteilnehmer mit schmerzenden Knien und schweren Schultern gingen.
10 Tage lang versammelten sich die 80 Teilnehmer entweder in der Meditationshalle oder zum schweigsamen Essen. Neben diesen beiden Aktivitäten gab es außer Spazierenzugehen, zu Duschen nichts außer in der Nacht mit dem Licht auch die Gedanken abzuschalten.
Nach 10 Tagen dann hieß es „Nobles Reden“ statt „Noblem Schweigen“. Luiz trabte auf mich zu: „Und ich dachte immer Meditieren sei nur was für verliebte Hippies“ Ich wies ihn darauf hin, dass er aber ganz danach aussehen würde, als sei er im absoluten Friedenstaumel. „Klar, bin ich! 10 Stunden am Tag habe ich mich auf meinen Atem konzentrieren sollen, was meinst du was mein Geist da Beschäftigung brauchte und alles an Leid und Glück hervorgekramt hat. Ich konnt’ ja niemanden mal eben ansimsen oder ins Kino gehen um mich abzulenken. Mit so einem wöchentlichen Stundenkurs hätte ich Meditation nur theoretisch verstanden. Da ist das Prinzip in Vipassana: Ein Mal, dann aber richtig, sehr hilfreich!“ Habe ihn Vipassana überzeugt? „Ist schon schwierig, weil man sich selbst so ausgesetzt ist. Aber ich habe viel dabei gelernt. Ob ich jetzt auch im Alltag meditiere? Na ja, zumindest waren diese zehn Tage sehr bereichernd für mich und das wird irgendwie auch ihre Wirkung auf meinen Alltag haben.“ Sein Snickers brach er in zwei Hälften, reichte mir eine und grinste: „Wir Medie-Tiere müssen doch zusammen halten.“.

Weiterführende Links:

http://www.dvara.dhamma.org/dvara_.html

www.dhamma.org

~ von renailleurs am Samstag, September 6, 2008.

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