Reisetagebücher

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Reisetagebücher -das Schwere, das es so leicht machen kann

Da liegen sie. Da liegen die Bücher, die neben der Zahnbürste und dem Wechselpaar an Socken in der Top 5 der bescheidenen Ausrüstung eines jeden Backpackers steht.

Da liegen die Bücher auf den Cafétischen vor ihren Autoren. Reisende, die ihre eigenen Geschichten selbst in die Hand nehmen wollten.

Die Wahrheit der Bücher muss nicht wissenschaftlich belegt werden -. sie entspringen aus dem Innersten einer jeden reisenden Seele.

Das Reisetagebuch. Das Tagebuch eines Reisenden. Das Buch der Tage der Reise.

Die eigene Adresse auf der ersten Seite wurde etliche Male mit verschiedenen Farben durchgestrichen bis das der vergebliche Versuch den Aufenthaltsort immer wieder zu aktualisieren aufgegeben wurde und einfach mit einem Herzsticker ersetzt wurde. Wie können die Reisenden auch eine genaue Adresse angeben können, wo sich das Herz an vielen Orte Zuhause fühlt?

Es ist zerknittert wie eine zurückgegeben Hausarbeit. Es lebt hält ihre Versagen und ihre Erfolge fest.

Tackernadeln graben sich tief und klammern längst Vergessenes packend zusammen.

Die Esel lassen demonstrativ ihre Ohren hängen.

Ein Kommentar von rechts nach links, von links nach rechts. Kreuz und quer. Ohne Regeln – es gibt keine Spielanleitung wie das Spiel des Lebens gewonnen werden kann.

Hieroglyphen in den Ecken, die das Leben zu verdeutlichen versuchen, weil Worte nicht immer ausreichen.

Fette Flecken durchtränken tief eingekerbte Buchstaben. Nicht alles ist süß und leicht verdaulich. Tränen schwemmen die mit Mühe aufs Papier gebrachten Worte. Für Harte Zeiten musste sich ein fettes Polster angelegt werden.

Eine halbfertige Zeichnung erstreckt sich über die aus dem Bund fallende Seiten, zieht seine Linien zur benachbarten Seite herüber, scheint sich festhalten zu wollen, den Drang nach Vereinigung suchend. Das Leben ist immer in Arbeit, nie vollkommen fertig. Die Sehnsucht nach Einheit lässt uns Beziehungen mit unseren Nachbarn eingehen. Die Sonnencreme war ausgelaufen, die Seiten haben nachgegeben, den Schutzfaktor aufgenommen, sich beim Einreiben vor Lachen gekräuselt. Die Sonne hat ihm dennoch ein bisschen Bräune verliehen, die Falten sprechen nun Bände über alle Höhen und Tiefen. Das Alter hat es vergilbt und sich um keinen neuen Anstrich bemüht. Die weiße Weste ist befleckt und kommt nicht zurück zur jungfräulichen Unschuld. Hat viel durchgemacht, ist viel rumgekommen, hat Spuren hinterlassen. Die Schrift mal zurückhaltend nach links geneigt, mal steif und aufrichtig gerade in den Himmel weisend und dann auch mal optimistisch nach rechts lehnend. Die Schönschreibschrift wird verzweifelt am Sonntag gesucht, nicht gefunden. Der Reisende kennt keine Wochentage mehr. Jeder Tag ist ein neuer Tag.

So oder ähnlich mag vielleicht das Reisetagebuch eines Marco Polos aussehen, wenn man sich vorstellt, wie eine ganze Reise in einem Dokument festgehalten wird.

Wie sieht es mit den Reisenden von heute und ihren Reisetagebücher aus?

Callum

Es ist Sonntag. Callum’s Tag um Tagebuch zu schreiben. Von morgens bis abends. Immer im gleichen Café mit westlichem Flair. Seine Reise hat er offiziell im Flugzeug mit einem ersten Eintrag begonnen. Auf die ersten Seiten gucke er immer mal wieder zurück, weil er da seine Hoffnungen und Wünsche für die acht Monate im Ausland aufgelistet hat. Auf früheren Reisen hatte er auch schon Reisetagebuch geschrieben. Er habe eine „Sauklaue“ und der Rest, der aus seiner Schreibfeder kam sei auch nutzlos gewesen: „Ich bin heute in ein Kaugummi getreten, habe ein rotes Auto gesehen, Brot gegessen.“ Auf dieser Reise habe er sich ein neues Reisetagebuchsystem ausgedacht: Erst liest er ein bisschen über die Bibel, Kafka, Nietzsche oder wie zur Zeit über den Konfuzianismus, sucht sich ein Zitat heraus und dann schreibt er darüber. Er streicht sich durch seinen schwarzen Lockenkopf und schmunzelt, dass er einen Kopf wie ein Sieb habe und deshalb müsse er aufschreiben. Das Schreiben, das ist für ihn ein Werkzeug geworden um herauszufinden, woher seine Gedanken kommen. Zu Hause schreibt er kein Tagebuch. Auf Reisen habe er auf einmal den Drang verspürt, weil er sich besser verstehen möchte. Es sei, auch wenn er nicht über den Alltag beim Reisen schreibe, ein Reisetagebuch deklariert er feierlich. „Seitdem ich auf Reisen bin, habe ich gemerkt, dass man zwar viel sehen und erleben kann… aber eine Reisen ist vor allen Dingen eine Reise zu mir selbst geworden.“ Das Moleskine-Buch verleiht dem Ganzen so einen seriösen Eindruck, sagt er. Da stehe soviel Quatsch drin und trotzdem sähe es „nach was aus“.Warum Quatsch? Seine Backen werden rot und er flüstert, dass es mit so kleinen „Hilfsmitteln“ manchmal richtig lustig ist, was da so aufs Papier kommt. Ein Quatschbuch, das meinen Quatschkopf widerspiegelt – so wie er sich beim Reisen eben kennenlerne.

Margareta und Barbara

Im Doppelpack, da schreibt es sich besser, sind Margareta und Barbara sich sicher. Ihr gemeinsames Reisen und Schreiben machen sie ihren kroatischen, reisefaulen Mitmenschen zugänglich damit diese den Schritt wagen sich von der häuslichen Wärme zu lösen und die große weite Welt um sich herum zu erfahren. Dafür hat ein Freund von ihnen extra eine Webseite entworfen, die sie von der Idee klasse finden und sich deshalb auch dafür begeistert haben daran mitzuschreiben. Margareta ist eigentlich passionierte Tagebuchschreiberin. Das Schreiben ist schon notwendig, da man nach ein paar Tagen so gefüllt an Eindrücken und Bilden sei, dass man die irgendwo rauslassen müsse. Diese Reise ist sie allerdings nicht alleine und da hat sie das Buch, dann irgendwann dem Mülleimer anvertraut. Mit einem Reisepartner habe man genug Gesprächsmöglichkeiten und da sie beide die gleichen Erfahrungen machen, können sie sich auch bestens darüber austauschen. Da sie nun immer ein offenes Ohr von ihrer Freundin bekommt, braucht sie das ihres Tagebuches nicht mehr. Ist das Schreiben für den Blog denn ein Ersatz für das Schreiben in Tagebuchform? Nein, lautet ihre Antwort. Auf dem Blog habe jeder Zugriff und da versuche man alles mehr auf Entertainment-Basis übertrieben lustig „rüber zu bringen“. Das Tagebuch, da seie man ehrlich und muss „niemandem etwas vormachen“, man wolle sich auf dem Blog ja auch nicht die Blöße geben, dass die Reise nicht gut verlaufe.

Uga

Mit dem 1 mg leichten, ultra-modernen Kugelschreiber, der, wenn Uga eine Frau wäre, auch perfekt zum Lippenstiftnachtragen aufgrund seiner unbefleckbaren Spiegelfläche wäre, deutet der gut ausgestattete Japaner auf die Bierliste, die er in der Mitte seines Reistagebuches skizziert hat. Aus jedem südostasischen Land hat er sich die Mühe bereitet die Bierflasche in Miniformat zu zeichen und mit der Landeswährung als auch der passenden Dollarumrechnung als kleine Erinnerung dabei zu schreiben. Uga mag Bier. Uga mag Praktisches. Und deshalb ist nicht nur sein Kugelschreiber mega leicht, sondern auch sein Reisetagebuch klein und handlich. Das kommt in die hintere Hosentasche und wird bei jeder Notsituation gezuckt und zur Hilfe benutzt. Da malt er dann Reis, weil er das Wort in der Sprache nicht kennt, da notiert er sich den Zugplan, listet seine Tagesausgaben auf, schreibt Postkarten vor, um sie später in Schönschrift abschreiben zu können, Passwörter und so weiter und so fort. Das wäre ein wahrer Verlust, wenn ihm dieser kleine Begleiter abhanden kommen würde. Vielleicht noch viel mehr, als die 500 Dollar, die ihm vor kurzem gestohlen wurden. Seine Tagebucheinträge vermengen sich mit den anderen nutzbaren Hinweisen und Erinnerungen. Uga ist eben praktisch und hat es gerne, wenn er alles zusammen hat. Die japanische Version eines Reisetagebuches ist also multifunktional ausgearbeitet – alles muss nützlich verwertbar sein.

Jil

Nachdem sich Jil nicht als Tellerwäscher sondern als Sandwicheinpacker das Geld für seinen Flug nach Bankgok zusammengespart hatte, stelle er dort fest, dass er etwas in seine Vorbereitungen für die Reise vergessen hatte: Er brauchte weiße Seiten zum Schreiben deutet er mit dem Zeigefinger auf sein Reisetagebuch. Drei Elefanten sind auf dem zu sehen und jeden der drei hat er einen Namen mit dem Kugelschreiber auf den Bauch tätowiert. Das sind Namen von den Ladyboys (Katoey), die er in Thailand getroffen hat. Nach denen hat er dann auch das Buch betitelt: „Katoeys Diary“. Er selbst ist aber nicht schwul verteidigt er sich. Er ist Engländer muss er aber gestehen – dafür schäme er sich.

Er habe weiße Seiten gebraucht, weil ihm auf Reisen die Bedeutung der Sprache bewusst geworden sei. Mit englisch komme er ja überall durch, aber das verschaffe ihm nicht immer den Zugang zu den Menschen. In seinem Buch archiviert er nun viele Einträge auf verschiedenen Sprachen, von anderen Reisenden. Das verstehe er zwar nicht, aber gerade deswegen kriege er ja die Lust die Sprachen zu lernen. Jil möchte Schriftsteller werden „wenn er groß ist“. Wenn man reisen geht, dann merke er, dass die Welt so groß sei und er selbst so klein. Da bekomme er dann schnell Selbstzweifel. Das Schreiben habe ihm geholfen, sich nicht selbst in dem ganzen Trubel nicht zu verlieren und als kleinen, aber bedeutsamen Teil im Großen und Ganzen zu erkennen. Beim Schreiben fühle er sich so auf einaml so bedeutend. Das Reisetagebuch sehe albern aus, meint er, als er die unzähligen kleinen Zeichnungen und eingeklebten Papierschnipsel betrachtet. Eine Seite ist eingerissen. Das ist ihm ein bisschen peinlich. Da habe er sich mit jemanden angelegt und dem gefiel das nicht, was er aufs Papier gebracht hatte. Schulterzuckend lächelt er aber doch über dieses verrückte Buch: Das sei ja auch immer in seiner Hosentasche, es lebe mit und dokumentiere eben alles – ohne Zensur.

Thilde

Reisetagebuch? Wenn Thilde das hört, dann denkt sie an ein kleines Mädchen in einem rosa Röckchen, das ein pinkes Büchschen in der Hand hält und mit dem Schlüssel vom dem Schloss des Tagebuches herumspielt. Nein. Das brauche sie nicht, sagt sie felsenfest überzeugt. Sie schreibt einen Blog. Sie googelt: „ Blog ist ein auf einer Website geführtes und damit öffentlich einsehbares Tagebuch.“ Ok sagt sie. Ich schreibe ein modernes Tagebuch, der neuen Generation. Ein Tagebuch, dass nicht so altbacken ist, wie das pinke Buch, das sie im Kopf habe.

In ihr virtuelles Tagebuch schreibe sie aber nicht mehr wie so ein kleines Mädchen Dinge über Gefühle und so. Sie dokumentiere ihre Reise auf ihrem Blog. Zu Hause würde sie keine Erfahrungen aufschreiben. Es gehe ihr doch eigentlich nur darum ihre Lieben an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Das bringe ihr viel mehr, als sich alleine mit ihren Erfahrungen auseinander zu setzen. Früher habe sie immer so traditionelle Briefe geschrieben. Das war ein bisschen persönlicher, aber das passe nicht mehr in die heutige Zeit. Ein Tagebuch überlegt sie. Nein. Als Tagebuch möchte sie den Blog dann doch nicht verstehen – sie ist ja auch kein kleines Mädchen im rosanen Kostümchen!

Jim

Jim degustiert fachmännisch an seinem 20 Dollar Eingangsmenü. Seine Brillengläser beschlagen während er die Frühlingsrolle aus allen Blickwinkel unter die Lupe nimmt. Wie er auch das einzige Salatblatt auf dem weiß glänzendem Pastateller kurz und klein beißt, so kann er auch jedes x-beliebige Thema bis zum Grund kurz und klein reden. Das macht ihm Spaß und als ehemaliger Lehrer musste er ja auch schon die Moderation für die Klasse halten. Der Blog, das ist sein Hobby. Da kommt alles drauf. Und weil er gerade auf Reisen ist, schreibt er eben auch übers Reisen. Der Blog sieht zwar nicht so schön aus, wie ein richtiges Buch, ist aber seiner Meinung nach, das technisch komprimierte Format eines Buches. Außerdem habe er damit in ein paar Jahren auch nicht mehr so viel Mühe es von allen Witterungsumständen in Stand zu halten. Das Problem habe er schon mit den Tagebüchern seines Urururgroßvaters, der 1860 fünfunddreißig Jahre lang, sein Leben im Tagebuch niedergeschrieben hatte. Das sähe jetzt aus, wie sein Urururgroßvater – vom Leben gezeichnet. Das mit dem Blog gefalle ihm, weil das nicht so einen Kirmisanblick bietet, sondern schlicht und einfach für immer und ewig bleibt.

Erik

Als Willemijn, die erfahrene Tagebuchschreiberin wehmütig von der ihr in die Wiege gelegten Tagebuchtradition ihrer Familie berichtet, unterbricht sie Erik ihr Freund lassiv kauend auf seinen Fingernägeln und verkündet seinen Mann stehend, dass er Zuhause eher Fußball spielt, als dass er zu einem Tagebuch greifen würde.

Willemijn guckt kritisch. Das Schreibefieber habe ihn mit dem Reisefieber gepackt und auf Reisen gibt es im Vergleich zu dem langweiligen Leben zu Hause ja auch was zu erzählen wirft er selbstbewusst als Argument in den Raum.

Und wenn er zurück kommt? Nein. Dann schreibe er sicherlich nicht mehr. Das mit dem Tagebuch ist nur so eine Reisegeschichte.

Sein Reisetagebuch war grün, camelliongrün und passte genau wie ein Camellion in die Hotelzimmerfarbe herein, hatte sich versteckt und war irgendwann verschwunden.

Der Verlust seines ersten Reisetagebuches hatte ihn hart getroffen. Einen Monat kostete es seine Freundin ihn zu dem Kauf eines Neuen zu überzeugen. Das Neue ist leichter und als Reisender weiß Erik, dass man leicht reisen muss. „Das Reisetagebuch hat viel Gewicht in seiner Bedeutung und macht das Reisen ja doch so leicht…“, stellt er mit gedankenverloren fest.

Willemijn hebt eine Augenbraue und erinnert ihn: Wenn du dein Fahrrad mit auf Reisen hättest und nicht mich, dann würdest du wahrscheinlich nur die am Tag vollbrachten Kilometerzahlen aufschreiben. Also mach’mal einen Punkt. Erik senkt den Blick und sagt kleinlaut, dass er doch eben Länder entdeckt hat und dabei eben auch auf die Entdeckung des Schreibens gekommen ist.

Seine Freundin lächelt ihm besänfitgen zu, beide schauen sich liebevoll in die Augen, dann auf ihre Reisetagebücher und sind froh, dass sie sowohl sich als auch ihre Buchbegleiter mit auf Reisen haben.

Genrieve

Alle schreiben sie sich ihre Herzen leichter“. Das setze sie vollkommen unter Druck zu sehen, dass so viele Reisenden diese „Kunstwerke in Tagebuchform“ mit sich herumschleppen. Sie bekomme geradezu das Gefühl, dass ihr etwas in der Reiseausstattung fehle. Dass sie sich aber dennoch kein Reisetagebuch anlegen möchte, erklärt die Freelancerin, hänge damit zusammen, dass sie vielmehr Kommunikation brauche, wenn ihr etwas auf dem Herzen liege. Wenn dafür keiner gerade halten könne, dann schreibe sie das in einer Email, weil sie dann das Gefühl habe, es zumindest an jemanden adressiert zu haben und die Herzensangelegenheit damit nicht unkommentiert auf einer weißen Seite stehen bleibt. Das Schreiben könne sie nicht gebrauchen, weil sie keine Gerüche oder Geräusche in der Sprache auffangen könne. So ein Reisetagebuch meint sie, sei nur etwas für diejenigen, die sich scheuen zu ihren Gedanken zu stehen. Dialog ist ihrer Meinung nach wichtig, wenn es darum geht, sich sein „Herz leichter zu machen“. Das, was im Reisetagebuch stehe, das kann nicht verwertbar gemacht werden und gerät dann sowieso irgendwann in die dunkle Kiste auf dem Dachboden. Dafür sind ihr die Reisen zu nah ans Herz gewachsen.

siehe auch: http://php.diezuender.de/gallery/gallery.php?gid=269

~ von renailleurs am Donnerstag, Mai 29, 2008.

Eine Antwort to “Reisetagebücher”

  1. Rena

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