In der Ruhe liegt die Kraft – wenn man so will

<!– @page { size: 21.59cm 27.94cm; margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } –>Die Kokusnüsse dienen als Topf für die in Blüte stehenden Kakteen. Das auf den Kopf gestellte Fahrrad wird mit den Händen über die verlängerten Pedalen angetrieben und dient dafür die Wolle für die spätere Bearbeitung einer Decke zu bündeln. Der über den Motor gestülpte Bierkasten erfüllt seine Aufgabe als Schutz. Das Bambusrohr spendet Raum für über Tage angesammelte, gerauchte, Zigarettenstümmel. Die angepinselte und beschriebene Regenjacke kündigt den Weg zu einem abgelegenen Restaurant an. Das ausrangierte Fischernetz hält die im Badezimmer aufgefangenen Zahnbürsten, den Rasierschaum und den Seifenspender an der Wand. Die zusammengeflochtenen Palmenblätter bieten biologisch abbaubaren Sonnenschutz. Das Sortiment an fünf verschiedenen Speisesoßen plus die beiden Fischpasteten und der getrocknete Zwiebel-Knoblauch-Mix steht auf einem pinken mit Dackeln verzierten Holztablett. Diese Auswahl wird dann je nach Geschmack in die im Bananenblatt gefüllte traditionelle laotische Frühstücks-Nudel-Suppe löffelweise „geschaufelt“ – bis dass der Laotse die Suppe von fröhlichen Farben in teuflische Düsterkeit taucht.

Laos ein Land, das mit seiner Einwohnerzahl gerade mal doppelt so stark bewohnt ist wie die deutsche Hauptstadt Berlin und seine Hauptstadt so groß wie Münster ist. Laos, ein sogenanntes Entwicklungsland, das mit seinem Prokopfeinkommen von ca. 430 US Dollar eins der ärmsten Länder der Welt ist. Der Großteil des Wachstums kommt aus der Landwirtschaft, dem Export von Textilien, Holz und Holzprodukten, der Elektroenergie sowie ausländischen Investitionen. Laos ein Land, das unter den Laotsen „Lao“ genannt wird und von den Franzosen den Namen, der sich bis heute durchgesetzt hat „Laos“ erhalten hat. „Laos“, weil die Franzosen schon als sie Mitte des 19. Jahrhunderts die Kolonialmacht Laos und ganz Indochina erlangt haben erkannte hatten, dass Laos ein bunter Mischmasch aus mehreren Kulturen, Stämmen, Ländern ist. Für sie war Laos also ein Plural – ein Mischling. Und so wurde aus Lao LaoS.

Laos ein Land, das bis heute wenig wirtschaftlich orientiert ist und wenn, dann meist durch ausländische Handelszentren gesteuert wird. Die Laotsen bestätigen ihren Ruf von Ruhe und Gelassenheit also vorzüglich, indem sie sich mehr um ihren eigen Haushalt kümmern, als für den Erwerb des staatlichen Haushaltes zu arbeiten. Sie bewirtschaften ihren eigenen Garten, kümmern sich um ein bisschen Nebeneinkommen und sonst wird – „gechillt“. Das ist vielleicht ein wenig provokativ ausgedrückt, aber wenn man mal von den „großen“ Städten absieht und einen Blick auf das Land wirft, dann bestätigt sich dieser Eindruck ständig. Und die meiste Laotsen leben auf dem Land. Erst seit Kurzem sind 1700 Kilometer des insgesamt 13.000 Kilometer langen Straßennetzes asphaltiert worden. So lässt es sich auch erklären, dass die wenigen Busse, die von einem Dörfchen ins nächste huckeln, an den Seiten, untendrunter, obendrauf, nebendran… ach einfach überall, mit Essen, Tieren, Rohstoffen… ALLEM beladen wird, so dass es vielleicht auf dem nächsten Markt verkauft werden kann. Als menschliche Ladung auf solchen Fahrten muss man also von allem möglichen Komfort absehen und sich an alles und jeden schmiegen, sich zerdrücken, heben, schmeißen lassen … spannend eben.

Ihr Lebensrhythmus wird also vordergründig von ihnen selbst bestimmt, da ein öffentlicher Markt nur in wenigen Gebieten vorhanden ist. Kein wirtschaftlicher Schrittmacher, der ihnen vorgeben würde, sondern ihre eigene innere Uhr bestimmt ihren Tagesablauf. Da, wo die Laotsen auf sich selbst hören, da erfährt man dann auch, dass die Laotsen eine sehr spezielle Haltung im Leben haben: Je mehr man macht, desto mehr Stress und desto schlechter ist das Karma, sagen sie. Deshalb ist es oberste Gesundheits – und Schönheitsregel so wenig wie möglich zu tun. Die Vietnamesen pflanzen den Reisen und die Laotsen hören dem Reis beim Wachsen zu, heißt es.

Wo in Indien die Uhren anders laufen, so könnte man annehmen, dass sie in Laos stillstehen.

Hier kann man dann auch zu einer Feststellung gelangen, die sich durch den krassen Gegensatz der westlichen Haltung im Vergleich mit der laotischen Lebenseinstellung ergibt:

Stress ist eine westliche Krankheit. Stress in der Lebensplanung, in der Tagesplanung, in der Freizeit… das ist ein westliches Gespenst, das wir zum Leben gerufen haben und das uns heute zur größten Last geworden ist. Immer viel machen, damit wir das Gefühl haben aktiv zu sein, uns in unseren Arbeiten widerspiegeln… uns bestätigt fühlen.

Wenn man so in Laos ankommt, dann wird man schnell eines besseren belehrt. Es geht einfach nicht, diese Haltung aufrechtzuhalten. Ich habe zum Beispiel für ein paar Tage in einer laotischen Familie gewohnt. Bevor ich auf der kleinen Insel ankam habe ich mir vorgenommen einfach genau das zu tun, was sie tun… also voll und ganz in ihren Rhythmus einzutauchen. „Das zu tun, was sie tun“… ich musste am Abend des ersten Tages über mich lachen… Ich habe nichts gemacht, sondern ich WAR einfach nur da. Die Männer graben ein wenig im Feld, die Frauen weben hier mal ein bisschen, fegen da mal, machen hier mal was zu essen… ja, sie tun schon, aber eben nur das, was nötig ist. Was ich also GETAN habe, war nichts bzw. nicht sehr viel. Ich muss sagen, ich war glücklicher in diesen Tagen, als an denen, wo ich von hier nach da gehetzt bin um noch das zu sehen und noch das zu machen. Ich habe mich voll und ganz erfüllt gefühlt.

Ich glaube, so ist es auch mit den Laotsen. Sie sind glücklich und ehrlich, das erste Volk, das ich sehe, dass nicht gleich alles stehen und liegen lässt, wenn eine weiße Haut an ihnen vorbeizieht. Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, schauen einmal auf und dann machen sie ganz störrisch einfach damit weiter, wo sie sowieso mit beschäftigt waren. In anderen Länder ist es jedes Mal ein großes Aufsehen, wenn ich auf die Straße trete. Mein ursprünglicher Wunsch den Kindern bei ihren Spielen zuzuschauen, ihren wahren Alltag zu beobachten, zerplatzt, wenn sie mich sehen und zu mir laufen. Sie hören auf zu spielen. Die laotischen Kinder interessiert es eine Bohne, sie schauen, lächeln und spielen weiter.

In der Ruhe liegt die Kraft – Laos ist das beste Beispiel!

Sie sind unbeirrbar, authentisch, natürlich und ach – einfach liebenswert. Die Kinder fragen den auftretenden Westler nicht gleich nach „Schoolpen“, „Camera“ oder „Chocolate“ – oh, wie dankbar ich bin. Es ist gar ein Schrecken jedes Mal nach diesen Dingen gefragt zu werden – das, was Kinder mit der weißen Haut verbinden, sind drei Dinge, mit denen der weiße Tourist meint wohltätig und gönnerhaft einem Entwicklungsland zu helfen.

In den Reiseführern geben sie an, dass wenn man Abenteuer und noch nicht erkundete Plätze auf der Welt erfahren möchte, dann sollte man nach Laos reisen.

Schwachsinn, sage ich. Schwachsinn, weil der Tourismus wie in jedem Land eine leichte Einnahmequelle ist und so haben sich auch einige wenige Zentren in Laos gebildet, die dann zur Partymeile werden, Pizzen verkaufen…

kurz: allen Bedürfnissen eines Westlers nachkommen und dabei wenig von Laos eigener Note zu spüren ist. Wenn man sich auf Entdeckungstouren macht, sich von dem Reiseführer löst, dann ja… dann erfährt man das wahre Laos. Auffällig ist, dass es die meisten Touristen in diese Gegenden gar nicht zieht. Was sie wollen ist Attraktion, Beschäftigung und Konsum an Sehenswürdigkeiten und Materiellem. Diese Sachen sind in den abgelegenen Orten nicht zu finden und deshalb fallen sie auch aus dem Programm der Reisenden in Laos.

Das ist schade, weil man sonst ein verfälschtes Bild dieses ruhigen Landes erhält. Mit einem großen Schwimmreifen durch einen Fluss zu schwimmen, alle drei Minuten an einer Minibar aus Bambus anzuhalten um zu Vengaboys-Musik einen nächstes Bier zu trinken und dann am Ende des Nachmittages sturz betrunken ins Guetshouse zurückgebracht zu werden, nach ein paar Stunden Schlaf dann gröllend in der Clique ins Restaurant zu gehen um sich einen „Happy-Shake“ zu trinken – das kann vielleicht witzig sein, aber das kann man auch überall bekommen und dafür muss man bestimmt nicht in ein anderes Land fahren um das zu erleben. Ich frage mich in solchen Momenten, warum sie dann den Aufwand betrieben haben um nach Laos zu fahren, wo Mallorca doch viel näher liegt? Dies sind persönliche Eindrücke und ich betone, dass ich nicht sagen möchte, dass es die Regel ist. Ich möchte lediglich anmerken, dass es „so etwas gibt“.

Tourismus ist ein Einkommen für das Land. Als Tourist sollte man sich bewusst darüber sein, was man konsumiert und was man dabei unterstützt bzw. nicht unterstützt. Sustainable Tourism ist der englische Begriff dafür. Im Deutschen sagen wir „Sanfter Tourismus“. Dabei werden grundsätzliche Ziele verfolgt:1)so wenig wie möglich auf die bereitse Natur einzuwirken bzw. ihr zu schaden, 2)die Natur möglichst nah, intensiv und ursprünglich zu erleben, 3)sich der Kultur des bereisten Landes möglichst anzupassen, d.h.sich respektvoll zu verhaltenanstatt die große westlichen Firmen mit seinem Hotelbesuch zu unterstützen, eher einen Besuch in der lokalen Bevölkerung vorzuziehen 4)die lokale Bevölkerung in Entscheidungen mit einzubeziehen, die ihr Leben betreffen, 5)bewusster Einkauf von Produkten, die positive Entwicklungen für das Land bedeuten

Als Tourist sollte man sich also bewusst sein, dass man etwas mitbringt in das Land und das ist nicht nur das Geld. In seinem Auftreten sollte man sich der Verantwortung bewusst sein, dass es Auswirkung auf die einheimische Bevölkerung haben kann. Ob man nun zu versteckten Minderheits-Stämmen fährt, dort seine Digitalkamera herausholt, sich als Frau eine Zigarette raucht und seinen vollgestopften Geldbeutel in der Öffentlichkeit nach Kleingeld durchsucht… das muss man sich genau überlegen, und zwar aus der Sicht derer, die man besucht und nicht nach dem Highlight, das man dann für sich selbst auf die Liste der Erfahrungen setzen kann.

Der „Lonely Planet“, ein Reiseführer, mit denen die meisten Reisenden unterwegs sind, schätze ich sehr kritisch ein. Der Lonely Planet ermuntert zu diesen Tribes zu reisen, ohne dabei zu erwähnen, dass durch den einfallenden Tourismus die soziale Struktur dort gestört wird. Er kündigt Attraktionen an, die somit wie auf einem Speisemenü zum Konsum bereitgestellt werden. Mit solch einer Konsumhaltung richtet man mehr Schaden an, als dass es das die eigene Befriedigung übersteigen würde. Der Lonely Planet ist auch der einzige Reiseführer, der eine Edition für Burma herausgegeben hat. Trotz stetigem Druck, möchte der Verlag diese Nummer nicht von der Verkaufliste streichen. Die Militärdiktatur in Burma wird im großen Ausmaß durch den Toursimus finanziert – das scheint der Lonely Planet nicht zu berücksichtigen.

Es gibt viele andere Arten ein Land zu bereisen und auch Projekte, die einem dafür klare Anhaltspunkte geben (siehe: www.stayanotherday.com).

In Laos ist mir eins ganz deutlich bewusst geworden: Man muss sich Zeit lassen, um in die Kultur und die Mentalität eines Landes eintauchen zu wollen. Man muss sich zurückhalten und in Laos vor allen Dingen „herunterkommen“. Manchmal ist es viel mehr Wert sich auf die Straße zu setzen und die Szenerie unter die Lupe zu nehmen, als von hier nach da zu rennen um seine „To Do Liste“ zufrieden abzuhacken.

In der Ruhe liegt die Kraft und dass muss man als Westler erstmal an der eigenen Haut zu spüren bekommen, um es zu verstehen. Ein Versuch ist es wert. Und eins hat Laos bestimmt als Attraktion, wenn man will: Diese Kraft zu erfahren – Ein Besuch ist also nur zu empfehlen.

~ von renailleurs am Donnerstag, Mai 29, 2008.

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