Zusammen in einem Boot sitzen
Wir sitzen alle in einem Boot. Menschen in einem Boot. So wie auf einem der „Eine-Welt-Aufkleber“, auf denen sich Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Kleidungen und ausgestattet mit zahlreichen Accessoires um Charakteristika, Mentalitäten oder Kulturkreise widerzuspiegeln die Hände reichen… So auch sitzen wir in einem Boot auf dem Mekongriver von Houi Xai nach Luang Prabang…
So auch sitzen sie, nur dass sie sich nicht die Hände, sondern das Bier reichen.
Das Boot. Eine schöne Metapher, wo jeder noch so kleiner Nagel seine große Bedeutung hat, weil er das Boot mit zusammenhält. Eine schöne Metapher, die meint, dass wenn man mit jemanden zusammen in einem Boot sitzt, in der gleichen Situation verstrickt ist, den gleichen Schicksalsschlag erfährt und so aus Leid, geteiltes Leid und aus Glück doppeltes Glück werden kann.
In diesem Falle auf dem Mekongriver, stimmt die Metapher nicht (ganz) zu.
Alle Touristen sitzen zusammen in einem Boot – zwangsläufig, weil sie dieses Boot von A nach B kutschiert. Der Mekongriver, der größte Fluss Südostasiens der sowohl durch Thailand, Laos als auch Vietnam fließt.
Eine Bootsfahrt, die in allen Reiseführern als DIE Fahrt angekündigt wird… und genau weil es als DIE Fahrt angepriesen wird, sitzen sie auf dem Boot mit dem Bier. Denn? Denn: Der Reiseführer empfiehlt sich vorher mit Bier einzudecken… dann könnte man einen „Partybooteffekt“ erzielen. Eben weil es als DIE Fahrt im Reiseführer beschrieben wird, sitzen sie auch alle mit einem zuvor kurzfristig eingekauften Kissen auf den Bänken. Weil? Weil der Reiseführer sagt, dass die Plätze hart sind. Eben weil das der Reiseführer sagt, beschweren sie sich auch alle, dass die Plätze hart sind. Obwohl? Obwohl die Plätze doch mit Kissen ausgestattet sind.
Aber… der Reiseführer sagt.
Die, die nicht mit Bier auf das Boot stiegen, die kaufen sich die Identifikation in Form des Bieres dann an Bord. Massenzwang könnte man meinen. Der Reiseführer sagt ja auch…
Alle sitzen sie in einem Boot und reden miteinander. Über das, was sie auf ihren Reisen erfahren haben. Sie teilen ihre Geschichten, meint man. Aber teilen sie wirklich? Ohne die Augen zu öffnen, einfach nur dem Klang der Stimmen folgend, ergibt sich ein sehr ungewöhnliches Geräusch für das Blabla bei dem Sprachgewirr. Es ergibt sich nämlich kein Gebrabbel, sondern ein eintöniger Klang. Ein eintöniger Klang widerspricht der Tatsache, dass sich viele Menschen auf einem Boot befinden und sich miteinander unterhalten. Und doch! Ich vergewissere euch, das ist möglich. Genau auf diesem Boot mit Reisenden kann man das beobachten, was sich bei der Zusammenkunft von Reisenden (allzu haeufig) ergibt. Die Beobachtungsumstände sind allerdings vorteilhafter als anderswo… weil es keinen anderen Nebengeräusche gibt… sondern pur nur die Reisenden unter Beobachtung gezogen werden können.
Warum sich nun dieser Effekt ergibt?
Weil sich scheinbar alle Reisenden in Abspielgeräte verwandeln. Abspielgeräte, die den Reiseführer wortwörtlich aufgenommen haben und dann abspielen. Ob sie nun vor oder zurückspulen, die Worte klingen gleich und passen sich harmonisch den anderen Klängen drumherum an. Wenn ein „Abspielgerät“ das, was über ein noch nicht bereistes Gebiet noch nicht aufgenommen hat, dann wird der Rekorder angeschmissen und wortwörtlich alles im Diktierton aufgenommen. Warum? Damit dann in dem Falle, wenn das „Abspielgerät“ diesen Ort anfährt, genau den Schritten folgen kann, die es schon verzeichnet hat.
Die „Landes“erfahrung, die in dieser Weise gesammelt werden, spielen sich demnach immer auf den gleichen Pfaden, immer mit den gleichen Leuten ab. Sprich, die Erfahrungen eines Reisenden im Vergleich zu einem Anderen sind (mehr oder weniger) identisch. Die „Abspielgeräte“ mischen sich demnach auch meistens unter andere „Abspielgeräte“ und nicht unter Landesleute.
Ohne ein Urteil darüber darüber fällen zu wollen, halte ich mich in meinen Worten an schlichte Beschreibungen der Lage auf dem Boot. Sich also anstatt mit der Kultur des bereisenden Landes auseinanderzusetzen, in dem die „Abspielgeräte“ Nebenstraßen wählen, sich von Reiseführern nicht führen lassen, sondern mit unvorgefertigtem Blick und unvorgefertigter Meinung das Land unter die eigene Lupe nehmen, befinden sie sich konstant unter „Gleichgesinnten“ (in einem Boot), sprechen ihre Landessprache, trinken, feiern… so wie Zuhause eben.
Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich absolutes Unverständnis gegenüber gebracht habe, als er mir erzählte, dass er auf Reisen seine unsoziale Seite kennengelernt habe. Ich kämpfte vehement gegen diese Vorstellung, weil ich der Überzeugung war, dass man auf Reisen doch so viele Menschen kennenlernt und deshalb gar nicht unsozial sein könne. Mir war es unbegreiflich, wie man sich anstatt unter Leute zu mischen, lieber ein Teechen und ein Buch nimmt um sich in die Ecke zu setzen. „Es ist immer schön andere Leute kennenzulernen“, beteuerte ich… Heute sage ich dazu: Ja und auch irgendwie nein. Auf den sehnsüchtigen Kommentar eines Freundes, dass ich doch wahrscheinlich sooo viele Leute kennen lerne, kann ich zwar mir „Ja“ antworten,muss aber auch etwas anderes hinzufügen: Die Quantität macht nicht die Qualität aus. Viele Gespräche, die auf dem Boot stattfinden, unter Leuten, die sich gerade kennenlernen, spielen sich auf dieser „Abspielgerät-Basis“ ab. Zu 99% lautet die erste Frage, welcher Nationalität man angehört. Danach folgen dann Geschichten über den und den Ort, wo man hier Hotdogs essen kann und da eine frische Coke bekommt. „Reise-Austausch“. In der Kommunikationswissenschaft würde man diese Art von Gespräch „Faktenaustausch“ nennen. Es geht dabei gar nicht darum, jemanden wirklich kennnenzulernen. Das Interesse besteht vielmehr in den Fakten, als in den Menschen. (Es ist natürlich kein Gesetz, dass es immer so ist. Ich beschwere mich gerade auch nicht. Denn wenn ich ein Gespräch führen will, dann kann ich ja auch dazu beitragen, dass es kein reiner Faktenaustausch ist).
Im Onlinemagazin der „Zeit“, dem Zuender (www.zuender.zeit.de ), wird bald ein Artikel über Reisetagebücher erscheinen ( Fotos Kiên, Text ich). In diesem Rahmen haben wir mir vielen Leuten gesprochen und dabei auch ganz konkret Einblick in ihre Reiseauffassungen bekommen. Es ergab sich jedes Mal ein ausgiebiges Gespräch über ihre Ziele beim Reisen. Wenn es um das Thema „Kommunikation“ ging, dann kam dabei heraus, dass das Reden über das Reisen absolut notwendig ist. Es kommen viele Eindrücke und Erlebnissen zusammen, die, wenn sich nicht rausgelassen werden würden, das Herz und den Kopf zum Platzen bringen würden. Die einen suchen den Weg über das Reisetagebuch, ihren Reisepartnern oder eben mit anderen Reisenden, denen sie auf ihrem Weg begegnen (so wie auf dem Boot). Diejenigen, die schon länger auf Reisen sind, lächelten als ich ihnen die Standardfragen (Woher? Wohin? Wie ist es da? Was gibt es dort) stellte und sie fragte, was sie über diese Art des „Kennenlernens“ denken. Jemand antwortet mir, dass er es satt habe, „normale“ Gespräche führen möchte und er sich bei diesen „Abspielgespraechen“ immer das Gleiche hören sagt und immer das Gleiche zu hören bekommt. Ob es bereichernd wäre wollte ich wissen? Nein, sei es nicht. Sie kamen zu dem Schluss, dass diese Art der Kommunikation dann zu Stande kommt, wenn Leute sich nicht sicher fühlen, Bestätigung brauchen… dann brauchen sie die Reiseführer und diese Art des Faktenaustausches. Warum so wenig an Persönlichem dabei ausgestauscht wird? Das Interesse liegt vordergründig bei den Fakten…
Ich sitze nun mit all diesen Menschen in einem Boot – zwangsläufig. Sie reichen sich das Bier, der Lärmpegel steigt mit jeder geleerten Bierflasche. Ich komme gerade aus dem Norden Laos, der von Elektrizität wenn überhaupt nur für ein paar Stunden pro Tag bedient wird. Der Norden von Laos. Weit und breit keine Menschenseelen. Berge. Ein paar Häuschen, die auf Kultur hinweisen. Ich komme gerade aus dem Norden, wo ich unter anderem drei Tage in der absoluten Wildnis verbracht habe. Dort zählte ich die von den Blutegeln blutrünstig daumendick hinterlassenen Wunden, die armlangen Kratzer, die sich von dem Machetendurchschlagen in dem wuchernden Wirrwarr des Dschungels ergeben haben. Ein Trip auf der Fährte von honigschlemmenden Bären und Tigern, die ihre Beute auf unseren Pfaden verteilt hatten. Ein Trip der härtesten Trekkingstufe mit meiner Schuhausrüstung: Flipflops. Für drei Tage und auch zuvor wenige Menschenseelen, die meinen Weg kreuzten… Ich lechzte also nach Kommunikation.
Da saß ich nun in einem Boot. Sie sitzen in einem Boot und merken es gar nicht. Nicht, dass sie nicht merken, dass sie zusammen sitzen, sondern dass sie nicht merken, dass sie sich auf einem Boot befinden. Dass sie auf dem Boot sitzen merken sie vielleicht, weil das Bier in ihren Bierflaschen hin und her schwappt. Ich lechzte nach Menschenkontakt, nach einer Hand, die mir entgegengestreckt wird… was bekam ich aber stattdessen? Ein Bier? Ich zog meine Hand zurück, zu diesem Stift und diesem Papier. Alle sitzen sie in diesem Boot und ich höre den einen!! Klang… obwohl sie alle sprechen. Ok, sagen wir nun, sie „spielen es ab“.
Der Mekong ist wirklich sagen!!haft schön. Es sagt!! mir gerade mehr zu… er spricht mir mehr zu. Mehr Gespräch. Mehr Bereicherung. Ich stimme nun meinem Freund zu: Ja, auch ich habe eine unsoziale Seite… auch dann, bzw. gerade dann, wenn ich mich unter vielen anderen Menschen auf ein und dem selben Boot befinde.
Wenn ich nun genug davon habe, dann wende ich mich mal meinem Nachbarn zu und starte ein Gespräch über …mh… vielleicht Schuhgrößen… Über irgendwas, nur keine Nationalitäten und andere Fakten… Ich muss meine Hände ja auch bereithalten, um andere zu empfangen.



Mir dünkt, dass Du bald hier vorbeigeflogen kommst. So wie jeden Morgen, wenn Du mich aus dem Land der Dämmerung zurück auf meinen Fenstersimms setzt. Mh. Möwengeschichten. Ich seh Dich!
“Verliere den ganzen Verstand, ein halber verwirrt nur.”