Fertig abgepackt, fertig eingeschweißt, fertig etikettiert und ab die Post
Die Lust war klein, der Zwang war groß, die Neugier… ja, die jugendliche Neugier ist mein Laster. Nimm alle Sünden. Ich gestehe den Fehler. Bin auch nur ein Mensch. Halte an für einen letzten Gnadenbesuch. Möchte doch so gerne an der Himmelstüre klopfen weil es da so schön sein soll und man immer weiße Kleider an hat. Der Höllenschlund ist mir nicht geheuer, da soll es heiß und stickig sein und ich hab’ doch schon Probleme mit meinen Schweißfüßen. Haben wir nicht alle eine zweite Chance – Jesus war doch auch nicht ohne? Och menno, ich bin beleidigt und spiele nicht mehr mit, wenn mir diese Sünde nicht verziehen wird.
Ich hatte es getan. Es war das erste Mal. Und jetzt wo es vorbei war, da weiß ich auch: es war das erste und das letzte Mal. Keine Frage. Aus Fehlern lernt man. Nicht immer, ok, zugegeben. Aber dieser Fehler, der leuchtet feuerrot auf. Wenn mich auch nur noch einmal die Versuchung überkommen sollte, dann werden Sirenen heulen, Warnlichter über alle Meere hinaus gesendet, ein Feuer gesetzt und ich versteinert, weil ich nicht noch mal diesem menschlichen Gelust nachgehen möchte. Ich möchte abstinent, rein und gottesgleich über die Erde schweben. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein. Mehr will ich dann auch ehrlich nicht, wenn ich das kriege. Danke. Amen.
Ich hatte es getan und ich konnte es nicht mehr verstecken. Nicht vor mir und nicht vor euch. Wenn ich es jetzt nicht erzählen, dann würde ich mich noch unwohler in meiner Haut fühlen. Meint jetzt aber ja nicht, ihr seid die Jury und dürft über den neuen weißen Anstrich bestimmen, den ich für meine befleckte Weste verlangt… ähm, für die ich gebeten habe. Ich habe da schon einen Deal mit dem Herrn persönlich abgemacht. Ihr dürft mich nicht belächeln und mir mit entgegengestreckten Zeigefinger drohen oder mich belehren. Ich bin jung und brauchte das Geld. Ich hole sonst meine großen Brüder…
Also gut, nun mal im Klartext. Ich hatte es getan. Ich hatte tatsächlich meine Identität in Form meines Personalausweises vorne an der Theke abgeliefert, ich hatte mir einen Stempel in Form von einem pinken Hütchen aufsetzen lassen, hatte meinen Schritt dem Schritt des Führers angeglichen, meinen Hunger nur knurren lassen, wenn auch der Führer Hunger hatte, meinen Schlaf danach abgestimmt, was das Programm des Führer zu ließ, meinen Blick dahin gerichtet, was mir der Führer angeboten hatte, hatte nicht nachgefragt und nachgeharkt, weil der Führer ein Fertigprogramm hat, das nur runtergeschluckt werden sollte.
Gut, ich bin deutsch und vielleicht habe ich in meinen Genen noch Reste von Führerkult in mir. Das ist jetzt ganz schön provokativ meint ihr. Ja. Ihr habt Recht. Also, ich bin deutsch und die anderen, die waren alle nicht deutsch. Hat also nichts mit der Nationalität zu tun. Wir sind ja alle gleich heißt es doch so schön. Ich wollte das trotzdem mal angebracht haben. Wer weiß, vielleicht liegt in der provokativen Aussage ja doch irgendwo ein Körnchen Wahrheit über das Menschsein?
Schön und gut. Wir hatten das alle getan. Wir hatten das alle getan, ich zum ersten Mal, die anderen waren trainierter und konnten demnach wahrscheinlich ihre individuellen Bedürfnisse leichter abstellen und vollkommen passiv dem Führer folgen.
Deshalb ist das hier auch gerade eine persönliche Berichterstattung, die nicht den Anspruch erhebt, die Fakten tatsachengerecht zu erzählen. Die anderen, die waren trainierter, konnten sich leichter unterbuttern lassen und haben deshalb die Führung vielleicht auch mehr genossen als ich. Wir haben ja auch alle einen anderen Geschmack. Also, ohne jemanden verletzen zu wollen, der so etwas mag: für mich persönlich muss ich sagen, dass es nicht mein Geschmack war.
Ich habe das getan und werde nie wieder auf eine Kaffeetour gehen. Ich werde nie wieder ein Pauschalangebot in einer der Hochburgen des Tourismus annehmen, um durch die Gegend geschaukelt zu werden. Ich werde nie wieder in ein Boot steigen, wo ich dann auf den Fotoapparat drücken kann, wenn es eine Stimme aus dem Lautsprecher verkündet. Werde nie wieder an einem Tisch Platz nehmen, wo ich kein zweites Wasser bekomme, weil im unterschriebenen Vertrag für die Pauschalreise nur ein Wasser inklusive pro Essen ist. Ich werde das nie wieder tun, weil ich ein anderes Durstbedürfnis habe, als jemand, der sich an einem grauen Tisch, umgeben von grauen Wänden, mit einem grauen Kugelschreiber ein Programm ausgeheckt hat, dass möglichst viel Profit für den Anbieter und möglichst wenig Spielraum und Bewegung für den Reisenden lässt garantiert und deshalb kein zweites Wasser zulässt, auch wenn dieses noch im Regal der Küche steht.
Ich hatte mich vor fünf Tagen an einem Punkt befunden, wo es irgendwie spannend klang dem Wunsch einer zwischenzeitlich mit mir reisenden Kanadierin nachzukommen und mich auf ein Pauschalangebot einzulassen.
Im Nordosten Vietnams, in Halong Bay zieren große Felsen die Meeressicht. Ein Streifzug durch die Meeresrouten dort offenbart sich als ein kleiner Hindernislauf in Großformat. Das Böötchen umschlängelt die massiven Steinberge, die bei Sonnenschein ein phenomenales Panorama versprechen und bei Nebel eine gruslige Gespensterstimmung hervorrufen. Durch die Gezeiten und das Wetter haben Wind und Wasser Grotten und Höhlen in den Stein gebildet, die teilweise, wie einige Strände auch, nur bei Ebbe betreten werden können. Viele von ihnen sind grün, also über und über mit Pflanzen bewachsen, auf den Größeren existieren teilweise dichte Dschungel. Neben der außergewöhnlichen Meeresansicht, ist dieses Gebiet eine der wichtigsten Stellen für In und Export Vietnams. Bei Wanderungen an den Küsten oder durch die Insellandschaften, die sich neben den unbegehbaren Steinfelsen noch mit im Meer versteckt haben, kann man auf die Entdeckungstour von Litschibäumen und anderen fruchtigen Oasen gehen, die Vietnams Küche auch so reichhaltig beglücken. Die Entdeckungstour zeigte in der Landschaft das Schöne und das Grausame, das sich in den Felsen selbst verbag. Während des Vietnam Krieges hatten sich richtige Städte in den Felsen entwickelt, in den Hundert über Hunderte von Menschen Unterschlupf gefunden hatten. Die Entdeckung dieser zweiten Untergrundswelt war sehr aufschlussreich und hat viel visuelles Verständnis geliefert, wie sich die Vietnamesen geschickt im Einklang mit der Natur gegen den technisch gut ausgerüsteten amerikanischen Feind bewaffnet hatten. In einer Höhle haben zwischenzeitlich bis zu 300 Vietnamesen Krankenpflege während des Krieges erhalten! Diese Entdeckung, so muss ich leider eingestehen, die habe ich nicht auf der Pauschalreise erfahren, sondern nachher auf eigene Faust.
Wo wir wieder beim Thema wären. In dieser vom Tourismus überrannten Gegend, wo die grässlichen Betonklötze an Hotels die Küsten verunstalten, da sollte ich mich für die Entscheidung begeistern lassen, doch mal auf so einen Pauschaltrip von 3 Tagen zu gehen. All inklusive, versteht sich. Das hört sich verlockend an. So à la: Ich mache nichts und kriege alles. Was will man mehr. Gut, dachte ich mir. Ich knüddelte meine eigenen entworfenen Reisepläne zusammen und dachte mir, dann gibt’s auch nette Gesellschaft – all inklusive eben. Hinzu kam der Gedanke, dass ich ja auch mal Neues kennen lernen wollte. Und das hatte ich bisher noch nicht gemacht. Es war das erste Mal. (Hatte ich schon gesagt, dass es auch das letzte Mal gewesen sein sollte?).
Die Bootstour war natürlich nicht vollkommen in die Hose gegangen, weil die äußeren Bedingungen einfach fantastisch waren.
Die Tour war aber trotzdem insofern in die Hose gegangen, als dass das mögliche Potential das Beste aus den drei Tagen zu machen, nicht im Geringsten erfüllt wurde und als dass mir im wahrsten Sinne des Wortes die Luft zu atmen genommen wurde.
Dass das Potential nicht vollkommen ausgekostet wurde, das liegt schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass es ein fertig eingepacktes Touristenangebot war. Fertig eingepackt, eingeschweißt und abgestempelt: wie beim Fertigessen, das nur in die Mikrowelle gestellt wird und dann nur noch vom Konsumenten das Kauen und Schlucken abverlangt wird.
Wir haben keine Zeit mehr, denn Zeit ist Geld und da greifen wir lieber zum Fastfood und den Gefrierbeuteln, als uns selbst an den Herd zu stellen und die Zutaten liebevoll in eigener Kreation zusammenzustellen. Auf dem Präsentierteller zum Verzehr vorgelegte Häppchen, die den Hunger schnell und gerecht stillen.
Der Geschmack steht hinten an. Zumindest für die, die sich die Dinge gerne auf der Zunge zergehen lassen. Ich sagte ja bereits, Geschmäcker sind verschieden und so stumpft vielleicht auch ein Geschmack ab, wenn er nur das mit Konservierungsstoffen und Geschmacksverstärkern zugepumpte Fastfood gewöhnt ist.
Ich verstehe mich als Gourmet und das vorgefertigte Reiseangebot sorgte bei mir für eine übermäßige Gasansammlung in meinem Verdauungstrakt. Die Faulgase konnten während der drei Tage nicht entweichen und ich musste mit den festgesetzten Darmgasen alles schlucken, was mir mein Reiseanbieter noch so zum Verzehr vorlegte. Das konnte nicht gut enden.
Tourismus ist Einkommen für ein Land. Geldmacherei. So wie gut laufender Export. Da wird dann also gekürzt und gestrichen was das Zeug hält, um aus dem Preisleistungsverhältnis das Beste für den Anbieter herauszuschlagen.
Dass mir die Luft genommen wurde, liegt an der simplen Tatsache, dass der Führer das Schritttempo angibt und so eine all-inlusiv Wandertour in die felsigen Berge, die 1200 Meter hoch geht und die unter der Berücksichtigung, dass die Gruppe sowohl aus 20 als auch aus 78 Jährigen besteht, immer im gleichen Marsch den Berg in rasender Hast verläuft. Da gilt es nicht zu verschnaufen, oder die Sicht zu genießen…Und wenn ich auf Toilette musste?. Na? Dann hielt ich dann an, bis mir der Führer sagte, wo gepinkelt wird. Dass um mich herum unberührte Natur nur so darauf wartet, dass ich den Boden mit einer Ladung frischem und nährreichen Dünger besprenkelte… nein, das stand nicht im Programm und war deshalb verboten – ein Verstoß gegen den unterschrieben Reisevertrag! Außerdem, der Pauschalreisenbus wartete unten am anderen Ende des Berges schon mit Schnittchen und dann gings auch schon weiter und dann gings ins Bett (auch wenn ich noch nicht müde war, meinte der Reiseveranstalter. Er kannte meine körperlichen Zustand besser als ich, weil das ja so im Vertrag stand) und dann und dann.
Ich hatte nur noch darauf gewartet, dass ich dem Führer meine absolute Treue schwöre muss und dann aufs Deck gehen darf um dort mit einer Zahnbürste die Holzrillen sauber zu schrubben, als ich angepfiffen wurde mich kerzengerade in die Reihe zu stellen. Ok, ich wurde nicht angepfiffen, aber die anderen Mitreisenden, meine Brüder und Schwestern, standen schon zum Abmarsch bereit mit ihren pinken Hütchen (die unverkennbare nichtkamuflierte Uniform) in einer Reihe. Ich musste mein Denken also wieder abstellen. Hier wird in der Gruppe gedacht und nicht individuell. Der Reiseveranstalter musste uns ja auch irgendwie zusammenhalten. Da werden eben persönlich Abstriche gemacht.
Das Gegenteil zu einer Pauschalreise, sagt das Gesetz, ist die Individualreise, bei der der Kunde alles in eigener Regie bucht.
Ganz ehrlich, wenn ich mal meine Meinung zum Ausdruck bringen soll (falls ich das noch nicht getan habe): Wer weiß ob wir so frei sind, wie wir das immer gerne wären als Menschen. Vielleicht sind wir auch nur Marionetten von höheren Kräften. Aber so lange ich das nicht weiß, bestehe ich auf meine Freiheit mir den Hintern dann abzuputzen, wenn ich merke, das die Zeit dafür richtig ist. Ich gehe auf die Barikaden und kämpfe gegen die Fastfoodinvasion, die uns Geschmäcker vertäuscht! Das nächste Mal wird wieder selber gekocht, das schmeckt ja doch am Besten, wenn man weiß, woher es kommt und mit was für Liebe es zubereitet wurde. Außerdem habe ich dann die Wahl und muss das auf den Teller nicht herunterzwingen, damit es am nächsten Tag gutes Wetter gibt.
Und was meine Sünde anbelangt, lieber Gott: dafür könnte ich ja eine Tour im nächsten Reisebüro für „innere Reinigung“ buchen. Da müsste doch alles inklusive sein, oder…?



Voller Analogien, zauberhaft zubereiteter Bericht. Danke für’s Ausprobieren, jetzt muss ich’s nicht mehr selber tun. Das Lesen Deines Blogs ist sozusagen wie ein all inclusive Menü für den interessierten, unerwachsenen Jüngling mit Flausen (und vielleicht auch Flusen) im Kopf!